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Titel
Peter von Zittau. Abt, Diplomat und Chronist der Luxemburger


Autor(en)
Marani-Moravová, Běla
Reihe
Vorträge und Forschungen. Sonderbände 60
Erschienen
Ostfildern 2019: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
629 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anne-Katrin Kunde, Historisches Institut, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

„Die umfangreiche Chronik des Zisterzienserklosters Königsaal (Aula Regia/Zbraslav) ist das bedeutendste Geschichtswerk des böhmischen Spätmittelalters und eines der bedeutendsten seiner Zeit überhaupt, wichtig auch für die Geschichte des römisch-deutschen Reiches und für andere Nachbarn der böhmischen Länder.“1 Diesem Werk und dessen zweiten und Hauptautor Peter von Zittau (zw. 1260/70–um 1339/40), seit 1316 Abt der Zisterze Königsaal bei Prag (gegr. 1292), und dessen Weltbild ist die vorliegende Untersuchung gewidmet, die 2015 als Dissertation an der Universität Bern abgeschlossen wurde.

Die Arbeit, die in ihrer Einleitung auch knapp in die Grundzüge der böhmischen Geschichte einführt (S. 27–38), lässt sich in zwei Hauptabschnitte unterteilen: Zunächst stellt die Autorin das Kloster „Königsaal als königsnahe Institution“ und Peters Leben und Werk vor, um daran anschließend „das Bild der Könige, des Adels, der Bürger und der Geistlichkeit“ innerhalb der Chronik ausführlich zu beschreiben (S. 17). Eine dreisprachige Schlussbetrachtung (deutsch, englisch und tschechisch), ein Anhang, der u.a. im Überblick die in die Chronik eingegangenen Urkunden sowie darin enthaltene Wetter- und Naturbeobachtungen wie auch eine Konkordanz der Ortsnamen bietet, und ein Register schließen die Arbeit ab. Das Literaturverzeichnis weist überwiegend Literatur bis zum Jahr 2013, vereinzelt bis 2017 aus.

Insgesamt führt Běla Marani-Moravová damit zum einen weit über den durch den Titel vermittelten Zeitraum hinaus, denn die Luxemburger waren erst seit 1310 mit Böhmen verbunden, als der noch junge Luxemburger Graf Johann (1296–1346), Sohn König bzw. Kaiser Heinrichs VII. (1308–1313), zum böhmischen König avancierte. Die Autorin greift jedoch den gesamten Berichtszeitraum der Chronik auf, den sie mit dem Jahr 1252 ansetzt, mithin ein Jahr früher als in der Literatur bisher üblich, was sie offenbar aus der in Kapitel I, 4 der Chronik berichteten Eheschließung Přemysl Ottokars II. (König von Böhmen 1253–1278) mit Margarete von Babenberg († 1267) ableitet, ohne dies weiter zu thematisieren.

Da die letzten durch Peter von Zittau vermittelten Ereignisse bis in das Jahr 1338 reichen, kann Karl IV. zum anderen aber nur bis in seine Zeit als Markgraf von Mähren (ab 1334) behandelt werden, auch wenn dies im Inhaltsverzeichnis anders angegeben wird: "Karl, Markgraf von Mähren, König von Böhmen, Kaiser der Römer (1334–1378): Heres regnis Boemie."

Ihren Ausführungen liegt die heute im Staatsbezirksarchiv Iglau (Jihlava) befindliche Handschrift zugrunde, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts für das Mutterkloster Sedletz (Sedlec) angefertigt und 1875 und 1884 von österreichischer und tschechischer Seite ediert wurde.2 Das Autograph Peters, das die älteste Handschrift der Chronik darstellt und heute zu den Beständen der Bibliotheca Apostolica Vaticana (Codex Palatinus 950; S. 119) zählt, war der Autorin offenbar nicht zugänglich.

Die Chronik selbst gliedert sich in drei ungleich umfangreiche Bücher, dessen erstes noch von Otto von Thüringen († 1314), dem zweiten Abt Königsaals, ab dem Jahr 1305 begonnen wurde, weshalb auch dieser Autor eine Einordung im Rahmen dieser Arbeit erfährt (S. 112–114 und fortlaufend in den verschiedenen Abschnitten). Zunächst begann Otto, die Vita des Klostergründers Wenzel II. und die frühe Geschichte Königsaals bis zum Jahr 1294 niederzuschreiben. Der weitaus größere Teil des ersten Buches (Kapitel 53–130; 1294–1316) und die Bücher zwei (30 Kapitel, 1317–1333) und drei (15 Kapitel, 1333–1338) wurden von Peter von Zittau verfasst, der auch den Berichtshorizont für das gesamte Königreich Böhmen, das Heilige Römische Reich oder den Zisterzienserorden öffnete. Da er selbst des Öfteren in politischer Mission unterwegs war (siehe auch die Karte zu den Aufenthaltsorten Peters S. 522), konnte er nicht nur wie Otto auf ältere historiographische Quellen Böhmens zurückgreifen, sondern auch auf eigenes Erleben, eigene Aufzeichnungen und zahlreiches (aktuelles) diplomatisches Material sowie auf Berichte von Gewährsleuten u.a. aus kirchlichen Kreisen, Angehörigen des Hofes oder Prager Bürgern (S. 128f.). Als Adressaten seines Schaffens nennt er dabei die Mönche seines Klosters bzw. Ordens, die durch die Lektüre erbaut und ergänzend zur Bibellektüre gebildet werden sollten.

In diesem Zusammenhang versucht die Verfasserin Peters Herkunft und seine nur durch wenige Zeugnisse fassbare frühe Biographie bzw. Bildung v.a. aufgrund der Angaben in der Chronik selbst, aber auch durch vergleichendes Beschreiben von Bildungschancen, -möglichkeiten und -inhalten der Zeit zu veranschaulichen, wobei sie ihm einen hohen Bildungsgrad und umfassendes grammatisches, rhetorisches und theologisches Wissen bescheinigt, was ihn nicht nur zum Abfassen der Chronik, sondern auch zur Abtswürde und diplomatischen Diensten befähigten (S. 87 und 91).

Vor diesem Hintergrund war es Peter von Zittau möglich, „eine zeitgeschichtliche Kloster- und Landeschronik“ (S. 126) vorzulegen, die die Herrschergestalten der letzten Přemysliden und deren Nachfolger bis hin zu den Luxemburgern wie auch deren Ehefrauen bzw. Königinnen charakterisiert (hier auch Margarete von Brabant (1275/6–1311). Aber auch die römischen Könige und Kaiser von Rudolf von Habsburg (1273–1291) bis Ludwig IV. (1314–1347) werden in Bezug zur böhmischen Geschichte in einem ebensolchen „typologisierten Tugend- und Lasterkatalog“ (S. 344) und zugleich einer Art Fürstenspiegel (S. 499) in diesem mit ca. 150 Seiten längsten Kapitel der Arbeit verortet.3 Jede einzelne Persönlichkeit erfährt hierbei unter Berücksichtigung weiterer historiographischer Quellen und Forschungsliteratur eine historische Einordnung, eine entsprechende Paraphrasierung des Geschehens, das aus verschiedenen Abschnitten der Chronik zusammengetragen wird, und eine abschließende Zusammenfassung, woraus sich hier und auch im weiteren gewisse, vermeidbare Redundanzen ergeben.

Ähnlich werden in einem vergleichsweise kurzen Abschnitt der böhmische Adel und einige herausragende Personen (Johann von Wartemberg und Heinrich von Leipa) (S. 348–379) wie auch die geistlichen Würdenträger abgehandelt (S. 415–487), die an verschiedenen Stellen der Chronik Erwähnung finden. Auch wenn Peter von Zittau selbst nie an die Kurie bzw. nach Avignon gelangte, hatte er ein reges Interesse an der Politik und den theologischen Positionen der sieben Päpste von 1294–1338, die seine geistliche Laufbahn berührten. Das spiegelt sich daher vielfach und mittels etlicher päpstlicher Schriftstücke in die Chronik wider, die ihm auch durch ordensinterne Strukturen zugeleitet wurden, und sprengt den „üblichen Rahmen einer Kloster- und Landeschronik“ (S. 485). Dennoch koppelte Peter seine jeweiligen Ausführungen stets an Ereignisse im Königreich Böhmen bzw. deren Protagonisten, wie die Autorin beobachtet.

Von den regionalen kirchlichen Würdenträgern konzentriert sie sich auf die Erzbischöfe Peter von Mainz (1306–1320) und Balduin von Trier (1307–1354), die Prager Bischöfe Tobias von Bechin (1278–1296) und Johann IV. von Dražice (1301–1343) sowie knapp die in der Zeit häufig wechselnden Bischöfe von Olmütz (Olomouc). Darüber hinaus wird in diese Reihe auch der dem Rat Wenzels II. angehörende Meißner Bischof Bernhard III. von Kamenz (1293–1296) aufgenommen, der von Otto von Thüringen im Rahmen der Gründungsereignisse Königsaals gewürdigt wird. Für die allgemeine Einordnung Peters von Aspelt wäre hier die 2013 erschienene Luxemburger Dissertation von David Kirt heranzuziehen gewesen, die an manchen Stellen zu einer anderen Wertung beispielsweise des Wirkens als Propst von Wyschehrad (Vyšehrad) kommt.4

Die Ausführungen zu Städten und Bürgern in Böhmen bei Peter von Zittau (S. 382–413) und dessen missbilligende Haltung gegenüber der politischen Rolle der Städte in Böhmen und dem Streben der Bürger nach sozialem Aufstieg gehen im Wesentlichen und über weite Teile wortwörtlich auf einen Aufsatz der Autorin aus dem Jahr 2013 zurück.5

Der Autorin gelingt es, eng am Werk der beiden Königsaaler Äbte Otto von Thüringen und Peter von Zittau wesentliche Themenbereiche der Chronik strukturiert zu analysieren, in Verhältnis zu anderen zeitgenössen Quellen zu stellen und aufgrund der Forschungsliteratur einzuordnen. Dabei führt der Betrachtungshorizont durchaus über die Luxemburger Herrscher hinaus, weshalb der Titel der Arbeit möglicherweise nicht ganz richtig gewählt ist. Chronisten der Luxemburger im eigentlichen Sinne waren beide Autoren nicht, wenn gleich König Johann von Böhmen, Graf von Luxemburg, und die sich wandelnde Beurteilung seiner Regentschaft weite Teile des Werkes umfassen. Die Arbeit reiht sich damit gut ein in weitere aktuelle Publikationen zur böhmischen Geschichte des 14. Jahrhunderts seitens der deutschen und tschechischen Mediävistik6, die das anhaltende Interesse am Land und an der Zeit dokumentieren.

Anmerkungen:
1 Peter Hilsch, Die Königsaaler Chronik und ihre Autoren, in: Die Königsaaler Chronik. Aus dem Lateinischen von Josef Bunjoch † und Stefan Albrecht mit einer Einleitung von dems., Frankfurt a.M. 2014, S. 7.
2 SOkA Jihlava, Inventarnr. 692. – Daraus auch die S. 350–352 gebotenen, verkleinerten Abbildungen aus der Chronik. – Königsaaler Geschichtsquellen mit Zusätzen und der Fortsetzung des Domherren Franz von Prag, hrsg. von Johann Loserth (Fontes rerum Austriacarum 8), Wien 1875 und Chronicon Aulae Regiae. Petra Žitavského Kronika zbraslavká, hrsg. von Josef Emler (Fontes rerum Bohemicarum 4), Prag 1884, S. 1–307 (hiernach die Zitation der Autorin).
3 Zu Heinrich VII. sei auf folgende aktuelle Publikation verwiesen: Sabine Penth / Peter Thorau (Hrsg.), Rom 1312. Die Kaiserkrönung Heinrichs VII. und die Folgen. Die Luxemburger als Herrscherdynastie von gesamteuropäischer Bedeutung, Köln 2016.
4 David Kirt, Peter von Aspelt (1240/45–1320). ein spätmittelalterlicher Kirchenfürst zwischen Luxemburg, Böhmen und dem Reich, Luxemburg 2013, S. 144–146.
5 Běla Marani-Moravová, Städte und Bürger bei Peter von Zittau, in: Stefan Albrecht (Hrsg.), Chronicon Aulae regiae – Die Königsaaler Chronik. eine Bestandsaufnahme, Frankfurt a.M. u.a. 2013, S. 145–185, worauf die Autorin S. 382 Anm. 1, hinweist.
6 Vgl. Anm. 1.; Lenka Bobková / Jan Lucemburský. Otec slavného syna [Johann von Luxemburg – Vater eines berühmten Sohnes], Prag 2018 und Johannes Abdullahi, Der Kaisersohn und das Geld. Freigebigkeit und Prachtentfaltung König Johanns von Böhmen (1296–1346), Luxemburg 2019.

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